Offenbar noch mehr Opfer durch Niels H.

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Sonderkommission „Kardio“ und Staatsanwaltschaft berichteten über Ermittlungsstand

Oldenburg/Delmenhorst (msi/pol). Die Mordserie des Krankenpflegers Niels H. könnte noch deutlich größer sein, als bisher angenommen. Das berichteten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Oldenburg. Niels H. wurde vom Landgericht Oldenburg bereits wegen sechs Tötungsdelikten verurteilt. Bei weiteren 27 Fällen ergibt sich nach en Ermittlungen der Behörden wein dringender Tatverdacht.
Staatsanwaltschaft und Sonderkommission ermitteln derzeit gegen Niels H. sowie gegen Verantwortliche der "Klinikum Oldenburg gGmbH und des ehemaligen städtischen Krankenhauses Delmenhorst.
In Delmenhorst gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle im ehemaligen städtischen Krankenhaus verantwortlich ist. Die Zahl setzt sich aus den bereits abgeurteilten sechs Fällen sowie den vermutlich 27 weiteren Fällen zusammen. H. hatte den Patienten unerlaubt das Herzmedikament "Gilurytmal" injiziert, um sich bei der späteren notwendigen Reanimation des Patienten, ausgelöst durch das Medikament, hervorzutun.
Während der Dienstzeit des Krankenpflegers am ehemaligen städtischen Krankenhaus Delmenhorst sind insgesamt 285 Patientinnen und Patienten verstorben. Von ihnen wurden 101 feuerbestattet und 184 erdbestattet. Die Ermittlungsbehörden hatten die Krankenakten der erdbestatteten Personen durch einen Sachverständigen dahingehend begutachtet worden, ob sich der Tod plausibel auf die Grunderkrankung der Person zurückführen lässt. War dies nach dem Ergebnis der eingeholten Gutachten nicht eindeutig der Fall, wurden durch die Staatsanwaltschaft Exhumierungsbeschlüsse erwirkt, die von der Sonderkommission "Kardio" umgesetzt wurden. Insgesamt wurden in 99 Fällen Verstorbene exhumiert, obduziert und wieder beerdigt. Die Exhumierungen fanden unter anderem auch auf dem Friedhof in Wildeshausen statt. Bei 27 Verstorbenen konnte der Wirkstoff "Ajmalin" des Medikaments "Gilurytmal" festgestellt werden. Bei 65 Verstorbenen konnte ein solcher Nachweis nicht geführt werden. In sieben Fällen liegen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch nicht vor. In vier weiteren Fällen sind die Verstorbenen im Ausland, in der Türkei bzw. in Polen, beigesetzt worden. In diesen Fällen hat die Staatsanwaltschaft im Wege der internationalen Rechtshilfe die Heimatländer der Verstorbenen um die Umsetzung der Exhumierungsbeschlüsse ersucht. Diese Verfahren sind noch nicht abgeschlossen.
Derzeit wird noch geprüft, ob H. in Delmenhorst neben dem Medikament "Gilurytmal" mit dem Wirkstoff "Ajmalin" auch noch andere Präparate genutzt hat, um Patienten in einen reanimationspflichtigen Zustand zu bringen. Ein toxikologischer Nachweis dafür ist noch nicht gelungen, die Untersuchungen dauern aber noch an. Ein entsprechender Verdacht ergibt sich insbesondere daraus, dass für bestimmte Zeiträume der Tätigkeit von Niels H. im ehemaligen städtischen Krankenhaus Delmenhorst trotz durchgeführter Exhumierungen und toxikologischer Untersuchungen keine Nachweise von "Ajmalin" im Körper der Verstorbenen möglich waren, obwohl auch während dieser Zeiträume die Sterberate auffällig erhöht war und es gerade während seiner Dienstzeit zu einer Häufung von Todesfällen kam.
Niels H. gab gegenüber den Ermittlungsbehörden inzwischen auch die weiteren 27 Tötungshandlungen grundsätzlich zu. An Einzelheiten könne er sich jedoch nicht erinnern, hieß es während heutigen Pressekonferenz.
H. steht auch im Verdacht, auch für Todesfälle im Klinikum Oldenburg verantwortlich zu sein. Derzeit besteht dringender Tatverdacht in sechs Fällen, wobei die Ermittlungsbehörden in vier Fällen von Kaliumvergiftungen und in zwei Fällen von Ajmalinvergiftungen ausgehen. Deshalb wurden die Ermittlungen zu diesem Tatkomplex deutlich ausgeweitet.
Auch in Oldenburg wurde durch die Staatsanwaltschaft und die Sonderkommission „Kardio“ nun ein unabhängiger Gutachter beauftragt, der die Sterbefälle am Klinikum Oldenburg auf der ehemaligen Kardio-Intensivstation zu untersuchen, bei denen Niels H. Dienst hatte. Zu neun Sterbefällen sind diese Untersuchungen bereits abgeschlossen. Der Gutachter hat hierbei Kaliumvergiftungen festgestellt. Nach Ansicht des Sachverständigen gab es jedoch in den bislang ermittelten Fällen keine ärztlich Begründete Gabe von Kalium. Vier dieser Kaliumvergiftungen verliefen trotz Reanimation tödlich.
Exhumierungen sind in diesen Fällen nicht veranlasst worden, da Kalium grundsätzlich bei einem Zersetzungsprozess von organischem Gewebe vorhanden ist und deshalb ein toxikologischer Nachweis nicht zielführend ist. In seiner Vernehmung hat Niels H. eingeräumt, in der ehemaligen Kardio-Intensivstation des Klinikums Oldenburg Patienten mit Kalium in reanimationspflichtige Zustände gebracht zu haben, die zum Teil auch tödlich verlaufen sind.
In vier weiteren der genannten neun Sterbefälle kam es zu tödlich verlaufenden reanimationspflichtigen Zuständen, die nicht im Zusammenhang mit einer Kaliumvergiftung standen. In diesen Fällen lag nach gutachterlicher Bewertung die Verabreichung eines Antiarrhythmikums oder eine Überdosierung mit sogenannten "Betablockern" nahe. Für diese vier Sterbefälle sind von der Staatsanwaltschaft ebenfalls Exhumierungsbeschlüsse erwirkt und durch die Sonderkommission "Kardio" bereits umgesetzt worden. In drei Fällen wurde der Wirkstoff "Ajmalin" nachgewiesen. In zwei Fällen besteht der Verdacht einer nicht medizinischen indizierten Verabreichung dieses Präparates.
Die Ermittlungen zu diesem Ermittlungskomplex dauern noch an. Derzeit werden mehrere hundert Patientenakten dahingehend überprüft, ob sich Todesfälle während der Dienstzeiten von Niels H. zugetragen haben. In den Fällen, in denen entsprechende Feststellungen getroffen werden können, sollen die Krankenakten sodann durch einen Gutachter ausgewertet werden; so wie dies bereits für die Fälle aus Delmenhorst erfolgt ist. Sobald diese Gutachten vorliegen, wird von der Staatsanwaltschaft entschieden, ob weitere Exhumierungsbeschlüsse erwirkt werden.
Die Ermittlungen erstrecken sich aber auch gegen Verantwortliche des ehemaligen städtischen Krankenhauses Delmenhorst. Ermittelt wird gegen insgesamt noch fünf Verantwortliche wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen.
Die bisherigen Ermittlungen haben den Verdacht erhärtet, dass es ab Mitte 2003 Hinweise auf nicht fachgerechtes Verhalten von Niels H. gab und diese sich spätestens ab Mitte 2005 so verdichtet hatten, dass Maßnahmen zum Schutz der Patienten hätten ergriffen werden können. Eine abschließende rechtliche Würdigung der Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft wird voraussichtlich binnen weniger Monate erfolgen.
Am Klinikum Oldenburg wird gegen drei Verantwortliche ermittelt, ebenfalls wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen.
Weil diese Ermittlungen jedoch in unmittelbaren Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Niels H. stehen, gehen die Behörden nicht davon aus, dass diese in Kürze abgeschlossen sein werden.
Es gibt jedoch offenbar Indizien, dass Verantwortliche bereits frühzeitig wussten, dass es auffällige Zusammenhänge zwischen Reanimationen, Sterbefällen und der Dienstzeit von Niels H. gab. Im April 2016 sind der Sonderkommission vom Klinikum Unterlagen ausgehändigt worden, die belegen, dass bereits im Jahre 2001 intern untersucht wurde, ob ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und der Anwesenheit einer bestimmten Pflegekraft hergestellt werden kann. Diese Erhebung belegt, dass Niels H. seinerzeit in signifikant höherem Maße bei Todesfällen Dienst hatte als alle anderen Pflegerinnen und Pfleger seiner Station.
Mit dem Abschluss aller Ermittlungen in diesem sehr umfangreichen Verfahren rechnen die Behörden erst im kommenden Jahr.
Die Sonderkommission „Kardio“ nimmt weiterhin Hinweise aus der Bevölkerung unter der Telefonnummer 0441 / 790 3555 entgegen.

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