Identität der Stadt erhalten

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Lebhafte Diskussion über Wildeshausens historisches Gesicht

Von Martin Siemer

Wildeshausen. Das Gesicht Wildeshausen, der ältesten Stadt im Oldenburg Land, hat sich in den vergangene Jahrzehnten gravierend verändert. Alte, traditionsreiche Gebäude verschwanden, moderne, architektonisch dem Zeitgeist entsprechende Objekte entstanden. Das historische Rathaus am Marktplatz, seit Jahrhunderten Dreh- und Angelpunkt der Stadt an der Hunte, bekam einen modernen Verwaltungsbau an die Seite gestellt.
Nicht bei allen Wildeshauserinnen und Wildeshausern findet diese Entwicklung Zustimmung. Vielfach wir kritisiert, dass alte Gebäude leichtfertig abgerissen wurden. Das galt seinerzeit schon für das alte Huder Zollhaus in der Huntestraße. Und das gilt aktuell für die ehemaligen Lohgerberei Benecke quasi gegenüber.

Mitten in der Wildeshauser Innenstadt liegt die alte Lohgerberei Benecke, über deren Zukunft derzeit kontrovers diskutiert wird. Archivfoto: Martin Siemer
Mitten in der Wildeshauser Innenstadt liegt die alte Lohgerberei Benecke, über deren Zukunft derzeit kontrovers diskutiert wird. Archivfoto: Martin Siemer

Nachdem der Eigentümer im vergangenen Jahr verstorben ist, möchten die Erben auf dem Areal ein modernes Wohn- und Geschäftshaus mit Verbindung von Huntestraße zum Gildeplatz errichten. Der alte Handwerksbetrieb präsentiert sich heute noch, als wäre die Werkstatt gerade erst verlassen worden. Deswegen möchte nicht nur der Bürger- und Geschichtsverein, der sich der Geschichte der Stadt Wildeshausen verantwortlich fühlt, dies Zeugnis alter Wildeshauser Handwerkstradition erhalten. Auch viele Privatleute sprechen sich gegen einen Abriss aus. Die Denkmalpflege hingegen sieht in dem Gebäude kein schützenswertes Gut. Die Denkmalpfleger hatten die Gebäude auf dem Areal besichtigt und waren zu dem Schluss gekommen, dass die bestehende Bausubstanz bereits in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert wurde. Zudem befinden sich die Gebäude zum Teil in einem baufälligen Zustand.
De Eigentümer der alten Lohgerberei hatte der Stadt zumindest zugesagt, dass er der Stadt das Interieur überlassen will.

So stellt sich Architekt Stefan Damke die Zukunft der Lohgerberei in Wildeshausen vor. Grafik: Architekt Stefan Damke
So stellt sich Architekt Stefan Damke die Zukunft der Lohgerberei in Wildeshausen vor. Grafik: Architekt Stefan Damke

Viele Wildeshausen sehen es inzwischen als notwendig an, die Lohgerberei zu erhalten. Zu ihnen gehört auch der Architekt Stephan Damke, der sich mit alten Gebäuden auskennt. In den vergangenen zwei Jahren hatte er dem alten Schulte-Haus an der Kirchstraße / Ecke Sägekuhle zu neuem Glanz verholfen.
„Es ist wirklich ein Jammer, dass wieder einem Stück 'Alt – Wildeshausen' der Abriss bevorsteht“, bedauert Damke. „Gerade diese Gassen, Hinterhöfe und lauschigen Plätze sind es doch, die man aufsucht, wenn man im Urlaub ist und derer wegen man weite Strecken auf sich nimmt. Und genau das stellen die Hinterhöfe Benecke dar“, schreibt Damke in einem Leserbrief.
Es sei doch geradezu paradox, dass man sich zeitgleich eines „Mittelalterlichen Marktes“ erfreut und mit Hütten aus Altholz eine heimelige Atmosphäre zu erzeugen versucht, die keine hundert Meter entfernt im Original noch komplett erhalten sei.
Mit dem Abriss verlöre die Stadt wieder einen Baustein, der die Identität einer Kleinstadt wie Wildeshausen ausmache.

An einigen Innen- und Außenwänden des alten Feuerwehrhauses klaffen dicke Risse. Archivfoto: Martin Siemer
An einigen Innen- und Außenwänden des alten Feuerwehrhauses klaffen dicke Risse. Archivfoto: Martin Siemer

Dabei war die alte Lohgerberei eigentlich als wichtiger Bestandteil eines Quartierskonzeptes gedacht, welches im Rahmen des Zukunftsprojektes „Wildeshausen 2030“ entwickelt wird. Dazu gehört auch das ehemalige Feuerwehrhaus an der Hunte. Dieses wartet nach dem Umzug der Feuerwehr in die Pagenmarsch nun auf eine Nachnutzung. Eine Expertengruppe unter der Leitung des Stadtmarketings hatte ein Konzept für das alte Feuerwehrhaus erarbeitet. Unter anderem soll das Urgeschichtliche Zentrum (UWZ) dort Platz finden, welches sich mit der Urgeschichte der Stadt, mit dem Pestruper Gräberfeld oder den Kleinenkneter Steinen befasst. Wurde diese Idee bislang von Verwaltung und Politik breit unterstützt, tritt man jetzt auf die Bremse.
„Die Frage wird sein, wie viel „UZW“ kann sich die Stadt überhaupt leisten? Vor dem Hintergrund der vielen Projekte, die wir noch auf der Agenda haben, ist bei der Entscheidungsfindung genau abzuwägen, ob wir uns in der vorgelegten Dimension eine solche Einrichtung überhaupt auf Dauer leisten können. Dies betrifft insbesondere die Folgelasten, auch wenn wir hier eine große ehrenamtliche Unterstützung durch die Vereine erwarten dürfen“, schrieb Bürgermeister Jens Kuraschinski jetzt in einer Pressemitteilung.
„Im Zuge der aufgekommenen Diskussion zum Erhalt historischer Gebäudesubstanz in der Wildeshauser Innenstadt müssen wir uns für die Zukunft Gedanken machen, wie wir das Wenige, was noch vorhanden ist, für die Zukunft sichern“, stellt er fest.
Neben der Finanzierung sieht die Verwaltung aber noch mögliche andere Unwägbarkeiten. Im Feuerwehrhaus klaffen in einigen Mauerbereichen große Risse. Ursache dafür ist der Standort am Flussbett der Hunte. „Wir müssen daher prüfen, ob und inwieweit das Gebäude den gestellten Anforderungen statisch auf Dauer überhaupt gerecht werden kann, ohne dass künftig weitere Kosten zur Sicherung der Statik auf die Stadt zukommen werden.“, erklärt Manfred Meyer, Baudezernent der Stadt Wildeshausen.

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